DDR-Kulturpolitik als Geburtshilfe für postkoloniale Nationen

„Unsere Kunst dokumentiert die Verbundenheit der DDR mit dem Kampf der palästinensischen Patrioten“

In den vierzig Jahren ihres Bestehens legte die DDR höchsten Wert auf Insignien staatlicher Souveränität: Flagge und Hymne, Grenzen und diplomatische Vertretungen. Auch die bildende Kunst hatte zur Darstellung der Souveränität beizutragen, indem sie repräsentative Denkmäler, propagandistische Wandgemälde und staatstragende Portraits von Arbeitern und Funktionären lieferte. Von der Erfahrung der eigenen „sozialistischen“ Nationsbildung ausgehend, suchte die DDR bald den unabhängig gewordenen Staaten Afrikas und Asiens beim Aufbau einer neuen Nationalkultur zu helfen. Auch die ostdeutschen Künstler leisteten in diesem Sinne „Entwicklungshilfe“.

An den späten Realsozialismus werden wir uns immer als ein verkalktes und moribundes System erinnern, symbolisiert durch seine greisen Führer in Moskau und Berlin: Breschnjew, Andropow und Erich Honecker - die Castrobrüder setzen diese Tradition bis heute fort. Paradoxerweise verstand die geriatrische Führungsriege der ostdeutschen Staatspartei SED die DDR stets als „junge Nation“. Man sah sich demonstrativ den neuen Nationalstaaten Afrikas und Asiens im Kampf gegen ihre alten Kolonialmächte verbunden. Von der Analogie zur eigenen „sozialistischen“ Nationsbildung ausgehend, suchte die DDR Staaten, die nach 1945 im Nahen Osten und in Afrika unabhängig geworden waren, beim Aufbau einer neuen Nationalkultur zu helfen und ihre Eliten durch Stipendien und entsandte Berater an den Ostblock zu binden. Diese außenpolitischen Aktivitäten zielten nicht nur darauf, am Aufbau eines „sozialistischen Weltsystems“ mitzuwirken, sondern auch auf die Festigung der eigenen Souveränität. Die bundesdeutsche Nichtanerkennungspolitik in Gestalt der Hallsteindoktrin sollte unterlaufen, die diplomatische Position der DDR weltweit gestärkt werden. 1965 schreckte der Ruf „Ulbricht am Nil!“ das politische Bonn auf, unabhängig von den mageren Ergebnissen der Visite. Ägypten, Syrien und der Irak standen in jenen Jahren im Mittelpunkt der außenpolitischen Ambitionen Ostberlins, in Afrika kamen seit Mitte der 1970er Mosambik, Äthiopien und Angola hinzu, die sich prosowjetisch orientierten.

Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia und die PLO kämpften in den 1970er und 1980er Jahren für die Unabhängigkeit ihrer Heimatländer und wurden dabei vom Ostblock in der Herausbildung eines Nationalbewusstsein unterstützt. Im Herbst 1979 setzte die DDR beispielsweise eine Vereinbarung mit der kommunistischen SWAPO um, nach der 400 Flüchtlingskinder in der DDR aufgenommen wurden. Kaserniert und überwacht von linientreuen namibischen Betreuern sollten diese Kinder zur neuen namibischen Elite erzogen werden. Politisch-militärische Organisationen wie der ANC (Südafrika) oder die ZAPO (Rhodesien) erhielten quasi-diplomatische Vertretungen in Ostberlin, weil die DDR auf diese Weise Einfluss auf Politiker und Gruppierungen nehmen wollte, die eines Tages in ihren Heimatländern an die Macht kommen könnten.

Sozialistische Kultur als „antiimperialistische“ Waffe

Zu Beginn der 1970er Jahre beschloss die DDR, der „imperialistischen Manipulation und Expansion in den Entwicklungsländern stärker mit kulturellen Mitteln entgegenzutreten“, so der Ostberliner Beitrag zu einer Kultusministerkonferenz der sozialistischen Länder im Jahre 1970 in Budapest. Die vielfältigen wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zwischen DDR und „Dritter Welt“ wurden nun auch von kulturellen Maßnahmen flankiert. Der Kulturaustausch sollte die internationale Anerkennung der DDR fördern, wenngleich er erst nach 1974 richtig in Gang kam. Die meisten Entwicklungsländer wagten nämlich erst dann volle diplomatische Beziehungen zur DDR aufzunehmen, nachdem Bonn in dieser Frage vorangegangen war – man wollte schließlich nicht die Entwicklungshilfe aus der Bundesrepublik riskieren. Ab Mitte  der 1970er konnte die DDR Kulturabkommen mit über 40 Staaten Asien, Amerikas und Afrikas abschließen. Wechselseitige Kunstausstellungen, Künstlerstipendien und Studienreisen gehörten dazu. Afrikanische und arabische Studenten besuchten Kunstakademien in der DDR und der Sowjetunion, um den Sozialistischen Realismus in ihre Heimat exportieren zu können – Bedarf an Heldendenkmälern und Wandbildern bestand reichlich in Ländern, wo viele Analphabeten lebten. Bildprogramme waren hier eine wichtige Propagandaform.

Spektakulär war der Export eines Marx-Denkmals nach Addis Abeba, bis heute das einzige Marx-Denkmal auf afrikanischem Boden. Der Bildhauer Joachim Jastram hatte vom DDR-Kultusministerium den Auftrag erhalten, eine Denkmalsanlage als Staatsgeschenk der DDR an den äthiopischen Militärdiktator Mengistu Haile Mariam zu entwerfen. Das Monument aus rotem Meißener Granit musste in Einzelteilen per Flugzeug nach Addis Abeba gebracht und vor Ort wie ein Steckpuzzle montiert werden. Honecker kam zur Enthüllung im Herbst 1984 in die äthiopische Hauptstadt, diese Gelegenheit zu einem „weltpolitischen“ Auftritt wollte er sich nicht entgehen lassen. Der Fall ist auch insofern bemerkenswert, weil die DDR schon selbst mehrfach zum Importland für riesige Marx- und Lenin-Denkmäler aus sowjetische Hand geworden war. Sie waren zugleich Geschenke und Drohgesten des Großen Bruders. Nun wurde die DDR als Juniorpartner der UdSSR in ähnlicher Weise in Afrika aktiv, um die Gründung einer anlehnungsbedürftigen „äthiopischen Arbeiterpartei“ zu forcieren.

Regelmäßig konnten linksorientierte amerikanische, afrikanische und arabische Künstler im Ostberliner „Ausstellungszentrum am Fernsehturm“ repräsentative Ausstellungen zeigen. Zudem nahm der Verband bildender Künstler der DDR (VBK) ausländische Gastkandidaten und Gastmitglieder auf, wie etwa den irakischen Maler Sami Hakki oder den Palästinenser Ibrahim Hazimah, die nach einigen Jahren mit vertieften künstlerischen Fertigkeiten in ihre Heimatländer zurückkehrten.

Dem Maler und VBK-Vizepräsidenten Walter Womacka, der einen Ausstellungsaustausch zwischen der DDR und dem sowjetisch orientierten Syrien in Gang bringen sollte, wurde 1987 sogar die Ehre zuteil, den syrischen Staatschef Hafez al Assad portraitieren zu dürfen.  An mehreren Tagen hintereinander  soll Assad geduldig Modell gesessen haben, wenn man Womackas Biographie Glauben schenken darf. Das Ergebnis – ein flüchtig anmutendes Portrait - sah allerdings nicht danach aus.

DDR-Kunst in Beirut unter Beschuss

In Fällen, wo keine offizielle diplomatische Beziehungen existierten und somit kein zwischenstaatlicher Kulturaustausch möglich war, betrieb der VBK eine Art von „Neben-Außenkulturpolitik“ und verhandelte direkt mit ausländischen Künstlern und Künstlervereinigungen. In diesem Sinne lassen sich auch Kontakte des VBK zur palästinensischen Befreiungsorganisation begreifen. Stand die PLO doch für eine werdende, wenngleich noch nicht verwirklichte Nation, die man an den östlichen Block binden wollte. 1976 machte eine politische Kunstausstellung über das Massaker von Tall-Zaatar – dort waren libanesische Sicherheitskräfte gegen ein palästinensisches Flüchtlingslager vorgegangen – in Ostberlin Station. Bald folgte im Islamischen Museum Ostberlins eine Ausstellung palästinensischer Volkskunst. Im Herbst 1979 ehrte die Ostberliner Nationalgalerie das palästinensische Künstlerpaar Ismail Shammout und Taman al Akhal mit einer großen Ausstellung. Shammout war nicht nur Leiter der PLO-Kulturabteilung und Träger des Kunstpreises der Palästinensischen Revolution, sondern auch Generalsekretär der Vereinigungen arabischer und palästinensischer Künstler – eine Art arabischer Willi Sitte. Die Ausstellung in der Nationalgalerie sollte ein politisches Signal senden: „Sie dokumentiert die internationalistische Haltung der DDR und deren Verbundenheit mit dem Kampf der palästinensischen Patrioten“, hieß es im Katalog. Im gleichen Jahr waren anlässlich des Gründungskongresses des palästinensischen Künstlerverbandes fünf DDR-Künstler in den Libanon eingeladen worden, um das Leben und den Kampf der Palästinenser für ihre nationale Unabhängigkeit kennen zu lernen. Zu dieser Zeit beherrschte die PLO weite Teile des Libanons, um von dort den Kampf gegen Israel weiterzuführen. Viele Palästinenser lebten (und leben bis heute) in libanesischen Flüchtlingslagern. Die libanesische Hauptstadt Beirut war in verschiedene Teile gespalten, wo christliche, schiitische und sunnitische Milizen das Sagen hatten und sich heftige Gefechte lieferten. Die ostdetschen Künstler Edmund Bechtle, Falko Behrendt, Uwe Bullmann, Christian Heinze und Günther Reche besuchten während ihrer Reise Ortschaften im Süden des Libanons, die umkämpfte Bekaa-Ebene, das zerstörte Damour sowie einige Flüchtlingslager. Dabei kam es auch zu einer Begegnung mit PLO-Führer Yasser Arafat. Kurz darauf nahmen die beiden Künstlerverbände von DDR und PLO offizielle Beziehungen auf.
Nun sollten die Werke der DDR-Künstler feierlich präsentiert werden, die sie auf ihrer Libanon 1979 skizziert und vorbereitet hatten. In der Galerie der „Generalunion Palästinensischer Künstler“ im von der PLO beherrschten Westteil Beiruts wurde im November 1981 die Ausstellung „Palästina kämpft – Malerei und Grafik von fünf Künstlern aus der DDR“ eröffnet. Hier wurde u. a. auch eine gemeinsam von ostdeutschen und palästinensischen Künstlern produzierte Grafikmappe präsentiert: „Engagement Palästina.“ Trotz der angespannten Kriegssituation zwischen der PLO und Israel begleiteten die Künstler mit ihrem Kurator den Antransport der Ausstellung und nahmen mit dem DDR-Botschafter an der Ausstellungseröffnung teil. Eine Sondermaschine der DDR-Fluggesellschaft Interflug hatte Künstler, Diplomaten und Botschaftsmitarbeiter nach Beirut gebracht. Der damalige Kurator Siegfried Wege, ein Berliner Kunstwissenschaftler, erinnert sich: „Ich begegnete bei der Ausstellungseröffnung auch einer Mitarbeiterin des Goethe-Institutes. Wenn auch solch eine Kontaktaufnahme bei Dienstreisen ohne ausdrückliche Vollmacht durch unsere Vorgesetzten offiziell nicht erwünscht war, habe ich bei dieser und bei anderen DDR-Ausstellungen im Ausland mit Fachkollegen, ausländischen Künstlern und Vertretern des Goethe-Institutes gesprochen. Bei diesen Gesprächen wurde deutlich, dass DDR-Kunstausstellungen als Repräsentation deutscher Kunst in politischer Konkurrenz zu den Kunstausstellungen der BRD in dem jeweiligen Empfängerland standen.“  Die Galerieausstellung in belebter Stadtlage zog viele Besucher an, obwohl der Bürgerkrieg herrschte. PLO-Militärverbände zogen zum Fronteinsatz vorbei, es gab gelegentliche Schusswechsel und nächtliche Bombenangriffe israelischer Kampfflugzeuge. Die DDR-Künstler stellten somit unter kriegsähnlichen Umständen aus. Wie Siegfried Wege waren sie aber offizielle Gäste der PLO und wurden entsprechend geschützt. Die Künstlerdelegation besuchte Dörfer, ein Krankenhaus und militärischen Stellungen der Fatah. Es gab zudem freundschaftliche Treffen mit arabischen Künstlerkollegen in ihren Ateliers. Ein Höhepunkt war der Besuch der Kunstsammlung, die sich im Besitz der palästinensischen Befreiungsorganisation befand.
Die freundschaftlichen Beziehungen von DDR und PLO, die vielbeschworene internationale Solidarität war vorallem als Affront gegen Bonn gedacht, das sich hinter Israel gestellt hatte. PLO-Chef Yassir Arafat gehörte noch zu den letzten internationalen Politikern, die am 6. Oktober 1989 zum 40. Geburtstag der DDR zum Staatsbesuch in Ostberlin Genutzt hat die „antiimperialistische Bündnis“ letztlich weder der DDR noch der PLO: Während die Ostdeutschen ihren Staat bald darauf verloren, warten die Palästinenser noch heute auf ihren.

Autor: Christian Saehrendt

Der Beitrag entstand in Zusammenhang mit einer Forschungsarbeit, deren Ergebnisse kürzlich publiziert wurden: Christian Saehrendt, Kunst als Botschafter einer künstlichen Nation. Studien zur Rolle der bildenden Kunst in der Auswärtigen Kulturpolitik der DDR, Stuttgart 2009.